VOL. II, NR. 3, DECEMBER 1998
Kopierpapiere
Kohlepapier
Wer erinnert sich nicht an die Kohlepapiere? Man benutzte sie, um beim
Schreiben gleich eine oder mehrere Kopien im Durchschreibverfahren zu erhalten.
Zwischen Original und Kopie wurden diese dünnen, auf der einen Seite mit
feinem Kohlepulver beschichteten Papiere gelegt - unter Umständen wurde
hier eine Reinigung der Hände notwendig -, spannte das Paket in die
Schreibmaschine um dann mit kräftigen Anschlägen auf der Hermes 3000
einen Durchschlag zu erzeugen. Vertippte man sich, so wurde das ganze Set aus
der Hermes gezogen, der Durchschlag vom Kohlepapier befreit und der Fehler mit
einem wiederbeschreibbaren Speziallack getilgt. Derweil der Lack trocknete
liess sich auf dem Original der Fehler mir einem harten Radiergummi entfernen.
Anschliessend wieder alles in der richtigen Reihenfolge packen, einspannen,
justieren und weiter txne tippen...
Etwas einfacher wurde das Ganze bei der Verwendung von Bleistift oder
Kugelschreiber (Füllfederhalter ging nicht), komplizierter wurde es,
wenn z.B. vier Durchschläge in einem Arbeitsgang erzeugt werden sollten.
Die Kohlepapiere konnte man für ca. 30 - 50 Kopiervorgänge
wiederverwenden. In Kriminalfilmen der 50er Jahre lieferten sie dem Kommissar
oft den entscheidenden Hinweis.
Auch wenn dieses Verfahren bis auf den heutigen Tag angewendet wird (die
Kohlepapiere gibt's bei Loeb noch), so gehört es doch zu den romantischen
Reliquien gestriger Bürotechnik. Abgelöst wurde es durch die billigen
Kopierer und die kohlelosen Kopierpapiere.
Kohlelose Kopierpapiere
Obwohl heute in jedem Büro ein Kopierer steht, der ab beliebigen Vorlagen
innert weniger Sekunden Kopien in hervorragender Qualität anfertigt,
besteht erstaunlicherweise nach wie vor ein grosser Bedarf an direkt
kopierenden Papieren. Ihr Einsatz liegt v.a. bei handschriftlich
anzufertigenden Dokumenten (Quittungen, Anmeldeformularen, Veträgen usw.).
Weltweit werden pro Jahr ca. 109 kg benötigt. Dies entspricht
einer Papierfläche von 1,25·1010 m2, rund
einem Viertel der Schweiz oder einem Feld von 112 km Seitenlänge!
Das Prinzip
- Die oberste Seite (das Original) ist auf der Unterseite mit kleinen
Kapseln von Farbstoffvorstufen beschichtet.
- Das darunterliegende Blatt (1. Kopie) ist auf der Oberseite mit einer
Substanz beschichtet. Falls eine 2. Kopie vorgesehen ist, ist seine Unterseite
gleich aufgebaut wie die des Originals.
- Der Druck des Kugelschreibers (oder der Schreibmaschinentype) lässt
die Mikrokapseln platzen. Die austretende Farbstoffvorstufe reagiert mit der
Substanz des darunterliegenden Papiers und bildet dabei einen Farbstoff.
Schematisch:
Dieses Konzept der mechanisch ausgelösten chemischen Reaktion wurde
1957 von der amerikanischen Firma National Cash Register (NCR) in den USA zum
Patent angemeldet.
Mikorkapseln
Heute werden fast nur noch synthetische Polymere zu ihrer Herstellung
verwendet. Beispiel:
- Harnstoff und Formaldehyd werden als Monomere in einer wässrigen Phase
gelöst. Der Farbstoff (eigentlich erst seine Vorstufe, engl. precursor)
wird in einem organischen Lösungsmittel emulgiert. Die beiden Phasen
werden in Kontakt gebracht. An der Grenzfläche polymerisieren die
Monomeren, schliessen dabei kleine Farbstoffpakete ein und bilden
Feststoff-Kapseln mit einem typischen Durchmesser von 3 µm - 8 µm.
Farbstoff-Precursors
Im Normalfall handelt es sich dabei um eine farblose, organische Verbindung
(einen sog. Leuko-Farbstoff; leuko, gr. - weiss), die in Kontakt mit
H+-Ionen farbig wird. Beispiel:
- Kristallviolett-Lacton, ein farbloser Leuko-Farbstoff, wird unter
Säureeinfluss zum rotschwarzen Kristallviolett.

Änderung in der Hybridisierung und die Möglichkeit der
Ladungsdelokalisation über das ganze planare aromatische System senkt die
Anregungszustände vom UV (hohe Energie) für das
Precursor-Molekül in den sichtbaren Bereich des Spektrums für das
protonierte Produkt. Für unser Auge erscheint der Farbstoff nun in der
Komplementärfarbe zur absorbierten Farbe. Durch geeignete Wahl der
Precursor-Moleküle und der reaktiven Schicht auf der Kopie können
verschiedene Farben erzeugt werden: Schwarz, rot, orange, blau, grün,
violett.
Die Reaktive Schicht
Typische Beschichtungen für die Kopie werden aus Bentonit, einer Lehmart,
gewonnen und besitzen die Zusammensetzung
- [(Mg(3-z)Liz)(Si(4-u)Alu)O10(OH)2]M+z+u
oder
- [AlxFey3+Mgz)2(Si(4-u-v))Fev3+
Alu)O10(OH)2]M+u+v+z
Auch organische Beschichtungen (Phenol-Formaldehyd-Harze) und
Zn-Si-Verbindungen werden verwendet. Allen Substanzen gemeinsam ist, dass sie
Protonen abgeben können, entweder aufgrund ihrer Struktur oder nach
vorgängiger Säure-Behandlung.
Konfektionierung
Obwohl das chemische Prinzip der Farbreaktion relativ einfach und leicht
verständlich ist, sind noch zahlreiche weitere Massnahmen notwendig, um
ein marktfähiges Produkt zu erhalten. Zwei Beispiele:
- In der reaktiven Schicht werden Zusatzstoffe eingebaut, die den durch
Licht geförderten Ausbleichprozess der ursprünglichen Farbstoffe
verlangsamen.
- Für die Mikrokapsel-Herstellung mussten neue Lösungsmittel
gefunden werden. Während früher die äusserts toxischen PCB's
verwendet wurden, arbeitet man heute mit unbedenklichen organischen
Lösungsmittel-Gemischen, die die gewünschten Eigenschaften aufweisen:
Farblos, gute Löslichkeit für die Precursors, inert, tiefer
Dampfdruck, niedrige Viskosität, geringe Oberflächenspannung. Als
geeignet haben sich Diisopropylnaphthalen und Phenylethyltetralin erwiesen.
Entwicklungsarbeiten zur Verbesserung dieses aus dem Alltag nicht mehr
wegzudenkenden Artikels gehen deshalb - über 40 Jahre nach seiner
Erfindung - weiter.
Quelle: J. of Chemical Education, Vol. 75, No. 9, 1998
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